Dreieinhalb Monate Internatsaufenthalt in Wales & meine wunderbaren Erfahrungen

3Die letzten vier Monate war es still auf meinem Blog – und dafür bin ich Euch eine Erklärung schuldig. Und vielleicht hat der ein oder andere ja tatsächlich Interesse an einem kleinen Erfahrungsbericht, deswegen jetzt dieser Beitrag. Viel Spaß 🙂

4

Meine Eltern wollten mich gerne ins Ausland schicken, damit ich mein Englisch verbessere, und so kam die Frage auf, wie lange, und wohin.

Gegen eine Gastfamilie haben wir uns entschieden, weil da eben doch immer diese Unsicherheit ist, ob man bei netten Leuten landet, oder eben nicht. Das war uns zu riskant. Und zu lange sollte ich auch noch nicht von Zuhause weg, da bin ich meinen Eltern noch „zu jung für“. Also: dreieinhalb Monate, ein „Term“ Internat. Da haben wir 7dann eben recherchiert und sind letztendlich auf „Myddelton College“ gestoßen, ein Internat in Wales (und bevor irgendwer fragt, ja, die sprechen da normales Englisch), das erst letztes Jahr wiedereröffnet wurde. So hofften wir, dass ich eben nicht die einzige „Neue“ im Internat bin, weil sich eben alle erst ein Jahr kennen. Diese Sorge hat sich im Nachhinein als nicht berechtigt herausgestellt – viele internationale Schüler sind mit mir neu dazugekommen.

Und so bin ich also nach den Sommerferien diesen Jahres – Anfang September – nach Wales geflogen. Und das Folgende habe ich dabei erlebt:

Nachts durch die Gänge des Internats schleichen und Akten ehemaliger Internatsschüler aus dem Jahre 1860 durchgucken, bei Gewitter in Decken gekuschelt im Gemeinschaftsraum übernachten, verbotenerweise in die alte, längst geschlossene Irrenanstalt schleichen, Partys machen – all das hat schon etwas von Hanni und Nanni. Und so ist es auch. Und doch irgendwie ganz anders.

8An meinem ersten Tag begrüßt Miss Davies, Head of Boarding, mich herzlich – und zeigt mir mein Zimmer. Es ist klein, noch recht kahl, und besteht aus zwei Betten, zwei Nachttischchen, zwei Kleiderschränken und einem Waschbecken mit Spiegel. Das soll also mein kleines Reich für die nächsten Monate sein. Gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Schwester, die mit mir nach Großbritannien geflogen waren, um dort eine Nacht zu verbringen und das Internat kennenzulernen, beginne ich, meine (selbst erwählte) Zimmerhälfte einzurichten – Kleider in den Schrank, Fotos von meinen Freunden und meiner Familie wild verstreut an die Wand, meine selbst mitgebrachte Tagesdecke lege ich aufs Bett. Schon besser. Und dann klopft es, Miss Davies öffnet von außen die Tür, schiebt ein asiatisch aussehendes Mädchen ins Zimmer, und stellt sie mir als meine Zimmernachbarin vor. Sirilada heißt sie eigentlich, kommt aus Thailand, und wird von allen nur „Cream“ genannt. Sie scheint freundlich, strahlt mich an. Dann beginnt auch sie, ihre Hälfte gemeinsam mit ihrer Mutter einzurichten. Schließlich muss ich kurz gehen, um mich draußen von meiner Schwester und meiner Mutter zu verabschieden – sie machen sich auf den Weg zum Flughafen. Als ich zurückkomme, fragt mich Cream, wo ich das Essen hingetan habe, dass ich von Zuhause mitgebracht habe – ich muss lachen, denn ich habe keins. Sie hat einen halben Koffer voller Essen mitgebracht, als Andenken an ihre Heimat, so wie ich meine Fotos.

1Die ersten Tage im Internat sind stressig – wir haben ein Willkommensgrillen, spielen Spiele, um uns gegenseitig kennenzulernen, und ich schließe Freundschaften. Schnell erfahre ich, dass das Internat auf drei Häuser eingeteilt ist: ein Haus für die Mädchen der Oberstufe, ein Haus für die Jungen der Oberstufe, und ein Haus für die jüngeren Schüler, die zwar zusammen in einem Haus wohnen, jedoch eine „Jungenseite“ und eine „Mädchenseite“ haben. In diesem Haus bin ich untergebracht, und damit mit meinen (am Anfang noch, ich verbringe meinen Geburtstag im Internat) 15 Jahren die Älteste. Das macht mir aber gar nichts aus, all meine Mitbewohner sind sehr nett. Mädchen sind wir in dem Haus nur fünf – Cream aus Thailand, Magda aus Spanien, Mishel aus Russland, Carla aus Deutschland und ich. Carla bleibt jedoch nur einige Wochen in Myddelton und geht dann wieder zurück nach Hause. Dafür kommt dann „Naomi“ aus Nigeria, die zuerst Probleme mit ihrem Visa hat, und deswegen erst etwas später in unser Boarding-Haus einzieht. Jungen gibt es acht in unserem Haus, darunter Spanier, einen Georgier, einen Russen, einen Jungen aus Kasachstan (einen Kasachen?), einen Thailänder und tatsächlich einen Engländer.

2

Erst tauschen wir unsere Snapchat-Namen aus, dann fragen wir nach unseren Nationalitäten, und nach einigen Tagen sind wir unzertrennlich. Es ist unglaublich, wie schnell man sich an Leute bindet, wenn man gezwungen ist, mit ihnen zusammenzuleben. Wir sitzen zusammen am Essenstisch, werden bei den Aktivitäten ungerne getrennt, und verbringen all unsere Freizeit im Gemeinschaftsraum, sehen Filme, reden, und spielen Tischtennis oder Billard. Und nach der ersten Woche beginnt 9dann die Schule – und damit kommen auch die Tagesschüler. Zweidrittel der Schule machen sie aus, die Jugendlichen, die in ihren Familien wohnen und jeden Tag mit dem Bus zur Schule kommen. Zuerst sind sie uns natürlich fremd, und die meisten internationalen Schüler bleiben unter sich. Aber ich versuche, mit ihnen Freundschaften zu schließen, dafür bin ich schließlich hier – um Englisch zu lernen. So lerne ich auch schnell meine engste Freundin Megan kennen, die zufällig neben mir am Mittagsessentisch sitzt, und eins meiner größten Hobbys teilt: das Klettern. Zuerst verbringen wir nur unsere Pausen gemeinsam, dann schreiben wir auch in unserer Freizeit auf Whatsapp, und am vierten oder fünften Wochenende nimmt sie mich das erste Mal mit: Ihre Mutter und sie holen mich mit dem Auto am Internat ab, und wir fahren in eine nahe gelegene Kletterhalle. Dort haben wir dann erst eine Kletterstunde mit einem Trainer, dann klettern wir etwas für uns. Manchmal fahre ich danach noch mit zu Megan, um bei ihr zu Mittag zu essen oder zu übernachten.

13Da muss man schon dazu sagen: Man muss es wollen. Um solche Kontakte muss man sich bemühen, und wenn man total lustlos eingestellt ist, und sich keine Mühe gibt, mit externen Schülern zu reden, dann wird man die Wochenenden eben immer komplett im Internat verbringen. Und leider war ich tatsächlich eine der wenigen Internationalen, die mit Britten befreundet war. Aber es hat sich sehr gelohnt.

Der Unterricht in Myddelton College ist ganz anders als bei mir Zuhause: Statt Schulbüchern und Heften hat jeder Schüler einen eigenen Laptop – und darauf findet der Unterricht statt. Die Lehrer laden im Vorhinein die Stunden auf 18„OneNote“ hoch, jeder Schüler kopiert sie in seinen persönlichen Bereich und kann sie von dort aus bearbeiten. Dadurch, dass die Lehrer jederzeit in den Bereich der Schüler einsehen, und diesen auch bearbeiten können, können sie Hausaufgaben auch schon von Zuhause aus korrigieren – und somit Zeit in der Stunde sparen. Manche Lehrer lesen sich so Texte des Schülers schon Zuhause durch, und verfassen ein mündliches Feedback, welches sie dann aufnehmen, und als Tondatei in den Text einfügen. Die Schüler können sich diese dann mit Kopfhören in der Nachmittagsbetreuung (dazu später mehr) anhören, und noch während des Hörens die eigenen Hausaufgaben korrigieren.

10Außerdem können stille Diskussionen durch OneNote im „Collaboration Space“ geführt werden, den alle Schüler und der Lehrer des Faches einsehen können. Dadurch wird das Gespräch schriftlich festgehalten. Für mich macht diese Unterrichtsform viel Sinn, zumal man so eben auch keine Hausaufgaben oder Materialien der letzten Stunde zuhause vergessen kann – was besonders für mich ein riesen Vorteil ist. Außerdem ist der ganze Unterricht so auch viel sortierter und organisierter – und somit übersichtlicher.

12Frühstück gibt es um Viertel vor acht im großen Speisesaal, um halb neun beginnt der Unterricht. Dementsprechend werden wir immer um sieben von Jack, unserem Hausvater, geweckt – und das mit einem lauten, viel zu motivierten „Waky waky giiiiiirls“. Danach wird sich um die Dusche – eine einzige für alle fünf Mädchen – gestritten, in letzter Sekunde werden Röcke der Schuluniform gebügelt, Taschen gepackt oder Laptops aufgeladen. Meistens sind wir pünktlich zum Frühstück und genießen dann reichlich Spiegel- oder Rührei, Röstieecken, Frenchtoast, Müsli, Würstchen, Bohnen oder einfach klassisch Toast mit Marmelade. Es gibt eine große Auswahl. Dazu gibt es immer frisches Obst, Kakao, Milch, Tee, Orangensaft oder Wasser. Nach dem Frühstück gehen wir zurück in unsere Zimmer, putzen uns die Zähne, nehmen unsere Rucksäcke und Blazer zur Schuluniform, und machen uns auf den Weg in den Unterricht.

11Wie bei Harry Potter sind die Schüler in vier Häuser unterteilt: St. David’s, St Patrik’s, St. George’s, St. Andrew’s. Als Schüler konnte ich Punkte für mein Haus sammeln, zum Beispiel durch gutes Verhalten oder besonders herausragende Leistungen. Am Ende des Schuljahres gibt es ein „Siegerhaus“. Dadurch, dass die Schule nur aus 150 Schülern besteht, sind die Klassen recht klein. In meiner Jahrgangsstufe sind es nur insgesamt neun Schüler, von denen allerdings zwei oft erkrankt sind. Neben mir gehen noch zwei Russen in die Stufe, die anderen sind Tagesschüler. Nachmittags endet die Schule um Viertel nach fünf, danach haben wir noch eine Stunde „Nachmittagsaktivität“, wo wir zwischen einer Vielzahl an Möglichkeiten wählen können. Ich entscheide mich für Klettern in der schuleigenen Kletterhalle am Montag, 5Kunst am Dienstag und Donnerstag, und „Prep“, also Hausaufgabenzeit am Freitag. Am Mittwoch müssen die Internatsschüler keine Aktivität machen, denn da dürfen wir in die Stadt gehen und Einkäufe erledigen oder Pizza essen. Um Viertel vor sechs gibt es dann unter der Woche Abendessen, und danach wieder eine Stunde Hausaufgabenzeit bis halb acht. Das klingt jetzt erst mal sehr streng und nach wenig Freizeit, aber mir hat das System gefallen. Denn: Nach dieser Stunde haben wir frei, und dadurch, dass wir praktisch zum Lernen „gezwungen“ werden, erwartet auch keiner von uns, dass wir am Wochenende oder abends noch etwas für die Schule tun, und dadurch kann ich meine Freizeit viel entspannter genießen – und komme in der Schule gut mit.

6An den Samstagen sind Ausflüge geplant. Wir fahren dann ins Kino, Schlittschuhfahren, Shoppen, oder besichtigen Schlösser in der Gegend. Und die Zeit, die ich nicht im Unterricht oder unterwegs verbringe, genieße ich in vollen Zügen. Meinen Freunden und mir fällt immer wieder etwas Neues ein, was wir unternehmen könnten. Mit einem guten Freund – einem Tagesschüler, der am Wochenende bei uns übernachtet hat – gehe ich so zum Beispiel heimlich bei „Debigh Castle“ klettern, oder ein paar Freunde und ich schleichen in eine nahe gelegene Irrenanstalt, die schon seit über dreißig Jahren leer steht, da damals ein großes Feuer das halbe Gebäude zerstört hat. Wenn es mal schlechtes Wetter 14ist, dann kommen wir abends alle im Gemeinschaftsraum zusammen, kuscheln uns unter Decken, und spielen die halbe Nacht lang bei Gewitter „Wahrheit oder Pflicht“, „Never have I ever…“ oder „Spinn the bottle“ . Einmal schauen wir „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, und müssen im Anschluss alle eine Runde weinen. Und morgens ziehen wir dann ganz früh wieder in unsere Zimmer um, damit unsere Hauseltern nicht mitbekommen, dass Jungs und Mädchen zusammen übernachtet haben. Sogar Matratzenrennen veranstalten wir , wenn wir für unsere „Gemeinschaftsraum-Übernachtungen“ die Matratzen nach unten bringen müssen.

16Abends, wenn ich schon in meinem Bett liege, kommt es dann oft vor, dass Cream zu mir unter die Decke kriecht, und wir noch lange über das Leben quatschen. Sie erzählt mir von ihrem Zuhause, und ich ihr von meinem, und dann lachen wir über Insider. Und schließlich verspricht sie mir, dass ich für immer ihre allerbeste Zimmernachbarin und Freundin sein werde, egal was passiert, egal wie oft wir uns danach noch sehen werden, und egal wer nach mir noch in meine Zimmerhälfte zu Cream einzieht.

15Als dann das Ende meiner Zeit in Myddelton näher rückte, fällt es mir also dementsprechend sehr schwer, tschüss zu sagen, besonders weil ich die Einzige im Internat bin, die nicht wieder zurückkommen wird. Ich beginne bis zuletzt nicht zu packen, und nachts schlafen Mishel, Magda, Cream, Naomi und ich kaum, um keine gemeinsame Zeit zu verschwenden. Wir fünf 17sind besonders stark zusammen gewachsen, haben für diese Zeit unser Leben miteinander verbracht, und sind wie Familie geworden, die wir dort alle nicht hatten. Wir haben aufeinander aufgepasst, uns Ratschläge gegeben, die Meinung gesagt, gestritten, und uns gegenseitig ganz dolle geliebt. Und mich von diesen wunderbaren Mädchen, meinen Klassenkameraden, engsten Freunden, und Mitbewohnern im Internat zu verabschieden, war unglaublich schwer.

Und ich weiß, Myddelton College wird immer in meinem Herzen sein.

19

 

Danke an alle, die sich die Mühe gemacht haben, diesen langen Beitrag zu lesen. Außerdem danke an Laura, die mich auf die Idee für diesen Text gebracht hat 🙂

Fragen usw. immer gerne stellen, ich beantworte alles!

Advertisements

Veröffentlicht von

Bücherwürmchen

You can't buy happiness, but you can buy books and that's kind of the same thing!

11 Gedanken zu „Dreieinhalb Monate Internatsaufenthalt in Wales & meine wunderbaren Erfahrungen“

    1. Wir haben das privat organisiert, über einen Vermittler. Ich werde gleich direkt mal meine Eltern fragen, wer das war. Ung gekostet hat es um die 7000 Euro, plus Ausflüge, die man am Wochenende macht (ond an denen man teilnehmen muss), Schuluniform, und Sachen die sonst noch so anfallen (wie zum Beispiel Wanderschule und Jacke, Rucksack usw. die wir auch alle von der Schule aus kaufen mussten.
      Und es lohnt sich zu 100%, man macht wirklich Erfahrungen für’s Leben. Also wenn irgendwie die Möglichkeit besteht würde ich es unbedingt machen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s